Es war ein Freitag, so gegen 23:00 Uhr, und wir waren auf dem Heimweg von einem Abendessen bei Freunden. Es gab georgische Küche (inkl. großartigem georgischen Amphoren-Rotwein) und es war einer jener Abende, an die man sich Rückblickend in seinem Leben dankbar erinnert. Wir fuhren zunächst mit der U4 in Richtung Hütteldorf und dann mit der U6, die in Wien so etwas wie eine „innerstädtische Vorortelinie“ darstellt, in Richtung Floridsdorf. Gerade kürzlich hatte man in der U6 das Essen in den Waggons verboten und ich muss zugeben, olfaktorisch merkt man da schon einen Unterschied. Jedenfalls hängen jetzt überall so Werbungen in den Stationen der U6, die den Geruch von Essen sehr ironisch kriminalisieren, damit sich die Menschen an das Verbot  – möglichst ohne zu murren – halten.

Zunächst habe ich mich nur darauf konzentriert, ob die U6 nun tatsächlich anders riechen würde und wenn ja, ob das nun ein Gewinn oder keiner sei. Doch dann fiel mir plötzlich etwas ganz anderes auf und ich wusste, dass ich das schon hunderte Male zuvor festgestellt hatte. Ich beobachte es quasi täglich in den öffentlichen Verkehrsmitteln in Wien und es erstaunt mich, wenn ich an meine römischen Jahre zurückdenke, immer wieder aufs Neue: Es war gespenstisch ruhig. Gespenstisch deswegen, weil in dem Waggon doch zumindest 30 Menschen anwesend waren und keinesfalls waren sie alle einander unbekannt. Im Gegenteil, die meisten stiegen in kleinen Grüppchen ein und auch wieder aus. Doch sobald sie es sich auf den Sitzen in der U-Bahn bequem gemacht hatten, verstummten die meisten von ihnen wie durch Zauberhand. „Mentalitätssache“ hat mir einmal jemand in jüngeren Jahren erklärt, als ich mit dem Zug von Spanien nach Portugal gereist bin. Seither habe ich eisern an dieser Theorie des gemeinschaftlichen Schweigens in öffentlichen Verkehrsmitteln in Wien und anderswo festgehalten. Doch nun ist es Zeit diese Theorie zu verwerfen und durch eine neue zu ersetzen.

Die Geisterhand ist ein kleines viereckiges Ding mit Display, das die Menschen, egal welchen Alters, Geschlecht oder Hautfarbe sie sind, in einen magischen Bann zieht. Fast bin ich versucht zu sagen, dass dieses Ding auch nicht zwischen arm und reich unterscheidet, denn praktisch jeder trägt so eines bei sich und lässt sich von ihm verzaubern. Was genau machen diese Menschen da? Sie lesen. Und, sie schreiben. Es ist außergewöhnlich, wenn man selbst die Zeit davor noch kannte. Die Zeit, in der Leserschaft und Autorschaft ein gewisses Bildungsprivileg bedeuteten. Doch das ist vorbei: Schreiben und lesen 24/7, egal woher du kommst und was du bist. Ein Waggon voller Wreader — in der U6.

Ein Nachtrag zum Symposium „Retten uns die Phänomene? – Lehren und Lernen im Zeitalter der Digitalisierung“ am Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität Wien vom 28.02. – 01.03.2018.

Mit diesem Hölderlin-Zitat setzte Frederking nicht nur eine wohltuende kritische Note in Bezug auf den Titel des Symposiums, sondern gab zugleich seinen Ausführungen einen anspruchsvollen Fluchtpunkt. Besonders überzeugend – und damit als Rettendes durchaus zu gebrauchen – war für mich die systematische Ausdifferenzierung von „personaler fachlicher Bildung“ (Digitalisierung als Phänomen) und „funktionaler fachlicher Bildung“ (Phänomene der Digitalisierung), zumal diese Unterscheidung die oft recht mühsame Diskussion um Kompetenzen versus Bildung zu überwinden vermag.

Für den fachdidaktischen Diskurs skizzierte Frederking dann in seinem Vortrag die Dimensionen der funktionalen fachlichen Bildung nach Norbert Groeben. Im Detail geht es darin um

  • Medienwissen bzw. Medialitätsbewusstsein,
  • medienspezifische Rezeptionsmuster,
  • medienbezogene Genussfähigkeit,
  • medienbezogene Kritikfähigkeit,
  • um die Selektion bzw. Kombination von Mediennutzung,
  • die Ausbildung produktiver Partizipationsmuster
  • und die Fähigkeit zur Anschlusskommunikation.

Frederking selbst ergänzt diese sieben Dimensionen nach Groeben noch um drei Dimensionen zur personalen fachlichen Bildung. Darunter versteht er einen

  • medientheoretisch und medienästhetisch fundierten Rezeptions- und Produktionshorizont,
  • medienkulturgeschichtliches Wissen und Bewusstsein
  • sowie die Ausbildung eines medienreflexiven Selbst- und Weltverhältnisses.

Damit ist meines Erachtens eine umfassende Beschreibung von Medienbildung im Fach Deutsch gegeben, die ausreichend Spielraum lässt, sich sowohl dem Phänomen der Digitalisierung als auch der Digitalisierung als Phänomen im Unterricht zu nähern.