Digitalisierung und Gedächtnisleistung – eine Randnotiz zu Spitzer, Sokrates und Serres

(Teil 2: Michel Serres – Nach der Enthauptung oder Der Weg nach oben)

Im gleichen Jahr von Spitzers Frontalangriff auf die digitalen Medien und seine plastischen Mahnpredigten in Richtung Pädagogik erscheint in Frankreich ein leises, ja beinahe bescheidenes Büchlein mit dem Titel „Petite Poucette“ (Däumelinchen). In der deutschen Übersetzung erscheint das Buch dann 2013 mit dem imperativischen Titel „Erfindet euch neu!“ und mit dem programmatischen Untertitel „Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation“, die der Autor liebevoll – ob der neuen Form des Schreibens – die „kleinen Däumlinge“ nennt.

(CC0 – Wikimedia Commons – Scan: Schedelsche Weltchronik, 1493)

Der 83-jährige Philosoph Michel Serres sieht darin die Auswirkungen der Digitalisierung zunächst ganz ähnlich wie Spitzer, nur weiß er sie völlig anders zu interpretieren. Seine Metaphorik vom ausgelagerten Gedächtnis gipfelt in der Narration der Heiligenvita von Bischof Dionysius, der in Paris aus Bequemlichkeit seiner Henker vorzeitig enthauptet wurde, da diese den beschwerlichen Aufstieg zur Hinrichtungsstätte nicht auf sich nehmen wollten. Doch was passiert: „Der Kopf des Bischofs fällt zu Boden. Aber welches Grauen erwartet sie! Enthauptet, erhebt sich Dionysius, packt seinen Kopf und setzt mit ihm in seinen Händen den Aufstieg fort“ (Serres 2013, 27).

Was dies alles mit der neuen digitalen Generation zu tun hat, liest man nur wenige Zeilen weiter unten: „Däumelinchen klappt ihr Notebook auf. Mag sie sich jener Legende auch nicht entsinnen – was sie da vor Augen hat, ist nichts anderes als ihr Kopf“ (ebd. 27). „Grauenhaft!“, höre ich Spitzer ausrufen, wie einst die Soldaten, die den Pariser Bischof mit seinem eigenen Haupt in Händen gesehen haben.

Doch Serres steht mit dem Stauen eines Kindes vor diesem Phänomen und weiß es ohne Furcht zu analysieren und zu interpretieren. Zunächst zur Analyse: „Unser intelligenter Kopf ist aus unserem knochenbewährten neuronalen Kopf herausgetreten. Die Kognitionsbüchse in unseren Händen enthält und hält in der Tat am Laufen, was wir einst unsere ‚Vermögen‘ nannten. Ein Gedächtnis, tausendmal leistungsfähiger als das unsere, eine von Millionen und Abermillionen Ikonen bevölkerte Einbildungskraft, ja einen Verstand – dienen doch zahllose Programme der Lösung ebenso vieler Probleme, die zu lösen wir von uns aus außerstande wären. Unser Kopf liegt vor uns, da, in der objektivierten Kognitionsbüchse“ (ebd. 28). Mag man über die Beinahe-Ehrfurcht des Philosophen vor der „Kognitionsbüchse“ vielleicht ein wenig erstaunt sein, so überzeugt umso mehr die Schlussfolgerungen, die Serres aus diesem Bild zu ziehen mag: „Was aber tragen wir nach der Enthauptung noch auf unseren Schultern? Die erneuernde und lebendige Intuition. In die Büchse ausgelagert, entlässt uns die Bildung an die helle Erfindungsfreude. Großartig: sind wir dazu verdammt, intelligent zu werden?“ (ebd. 28)

Einmal in Fahrt gekommen, macht Serres – nicht weniger furios – den Sack zu: „Als der Buchdruck aufkam, zog Montaigne, wie erwähnt, einen wohlbeschaffen Kopf der Akkumulation des Wissens vor – war doch der Wissensvorrat, schon objektiviert, in den Büchern, auf den Regalen seiner Bibliothek verwahrt. Vor Gutenberg mußte seinen Thukydides und Tacitus auswendig kennen, wer Geschichte treiben wollte, Aristoteles und die griechischen Mechanisten, wer sich für Physik interessierte, Demosthenes und Quintillian, wer in der Redekunst glänzen wollte. Er mußte, anders gesagt, von alledem den Kopf voll haben. Ökonomie: Sich den Platz des Buches auf dem Regalbrett zu merken ist mit geringeren Gedächtniskosten verbunden, als seinen Inhalt im Gedächnis zu behalten. Neue Ökonomie, radikaler: Auch den Platz muss sich keine mehr merken, weil eine Suchmaschine das erledigt“ (ebd. 28).

Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

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