Unter Federführung von Beatrice Müller und Hannes Schweiger (beide Institut für Germanistik der Universität Wien) erschien mit 25.1.2018 eine erhellende „Stellungnahme von Forschenden und Lehrenden des Bereichs Deutsch als Zweitsprache der Universitäten Graz, Innsbruck, Salzburg und Wien zum Bildungsprogramm 2017 bis 2022 der österreichischen Bundesregierung“, an dessen Erstellung sich insgesamt 21 namhafte Expert_innen beteiligten.

Auf Basis aktueller wissenschaftlicher Befunde wird darin vor allem gegen drei von BM Faßmann geplante Maßnahmen Stellung bezogen:

  • die „Deutschklassen“
  • den erschwerten „Übertritt ins Regelschulwesen“ von Kindern mit unzureichenden Deutschkenntnissen
  • die Erhaltung des „differenzierten Schulsystems“, das eine Trennung von Kindern bereits im Alter von zehn Jahren vornimmt.

Ernüchterndes Fazit der Expert_innengruppe: „Insgesamt verstärkt das Bildungsprogramm der Regierung die institutionelle Diskriminierung von Kindern und Jugendlichen mit nicht-deutscher Familiensprache.“ Sie sieht damit die Absichten des Regierungsprogramms im Widerspruch zu Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, in welchem jedem Menschen das „Recht auf Bildung“ zugesprochen wird.

Die Stellungnahme endet mit einem Forderungskatalog, der nicht nur konkret sondern auch evidenzbasiert ist.

Man darf gespannt sein, wie der Wissenschafter Faßmann mit diesen wissenschaftlichen Fakten realpolitisch umzugehen gedenkt. Mein Dank gebührt den Autor_innen dieser klaren Stellungnahme, die die öffentliche Diskussion zu diesem Thema auf ein anderes Niveau gehoben hat!

Download der Stellungnahme (PDF)

Rückfragen an beatrice.mueller@univie.ac.at oder hannes.schweiger@univie.ac.at.


(Teil 1: Sokrates und Spitzer – Der Weg nach unten)

Kaum ein Diskurs wird zurzeit so erbittert geführt wie jener um Nutzen und Gefahren der Digitalisierung für dein Einzelnen und die Gesellschaft (zuletzt in Österreich: K.P. Liessmann: Bildung als Provokatiion). Immer wieder spielt dabei das Argument einer verminderten Gedächtnisleistung durch Auslagerung von Merkprozessen auf digitale Datenträger eine große Rolle. „Wenn wir unsere Hirnarbeit auslagern, lässt das Gedächtnis nach“ (Spitzer 2012, 496). Der Teufel, der hier in prächtigen Farben von Manfred Spitzer vor einigen Jahren an die Wand gemalt wurde und in aller Frische nach wie vor dort prangt, ist die globale, digitale Demenz. Die Hypothese scheint frappant einleuchtend zu sein: Wenn wir etwas nicht üben/trainieren, verkümmert es. Alltagstaugliche Beobachtung quasi.
Doch so einfach ist das nicht, denn die blendende Hypothese verliert sehr schnell an Glanz, denkt man sie weiter oder gar kritisch von ihrem Anfang her. Die Frage nach dem Anfang lautet: Wann und wie haben wir eigentlich begonnen, Gedächtnisleistung auszulagern auf externe Medien? Und: Heißt das auch, dass ab diesem Zeitpunkt ein unumkehrbarer Verdummungsprozess eingesetzt hat?
Einigkeit besteht in der Forschung darüber, dass die größte Leistung in Hinblick auf die Auslagerung von Gedächtnisleistung bislang die Erfindung der Schrift war. Eine Leistung, die ironischerweise zu den obligatorischen Charakteristika früher Hochkulturen gehört. Begründung von Hochkultur/Schriftkultur als Quelle eines Verblödungsprozesses, der in der digitalen Demenz seinen Abschluss findet? Sind uns damit die wenigen oralen Kulturen, die es noch gibt, gedächtnismäßig unweigerlich überlegen? Haben Analphabeten das fittere Gehirn? Ist Schreiben die bislang unentdeckte Wohlstandskrankheit des Geistes?
Es ist in diesem Zusammenhang spannend, dass Sokrates, der bekanntlich eine gewisse Skepsis gegenüber der Schrift in Zusammenhang mit dem Wahrheitsgehalt der Philosophie hegte, auch das Spitzer-Argument vorweggenommen hat: „[Socrates: … ] Denn diese Erfindung [Schrift] wird der Lernenden Seelen vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung des Gedächtnisses,[…]“ (Platon, Phaidros, 275a). Da haben wir also den Schlamassel. Andererseits: Wenn Sokrates und damit auch Spitzer in diesem Punkt recht haben, dann wird es wohl auf dem Weg nach unten auf die paar letzten Jahre Digitalisierung auch nicht mehr groß ankommen. Oder lässt sich vielleicht das ganze Ding auch andersherum denken?