(Teil 1: Sokrates und Spitzer – Der Weg nach unten)

Kaum ein Diskurs wird zurzeit so erbittert geführt wie jener um Nutzen und Gefahren der Digitalisierung für dein Einzelnen und die Gesellschaft (zuletzt in Österreich: K.P. Liessmann: Bildung als Provokatiion). Immer wieder spielt dabei das Argument einer verminderten Gedächtnisleistung durch Auslagerung von Merkprozessen auf digitale Datenträger eine große Rolle. „Wenn wir unsere Hirnarbeit auslagern, lässt das Gedächtnis nach“ (Spitzer 2012, 496). Der Teufel, der hier in prächtigen Farben von Manfred Spitzer vor einigen Jahren an die Wand gemalt wurde und in aller Frische nach wie vor dort prangt, ist die globale, digitale Demenz. Die Hypothese scheint frappant einleuchtend zu sein: Wenn wir etwas nicht üben/trainieren, verkümmert es. Alltagstaugliche Beobachtung quasi.
Doch so einfach ist das nicht, denn die blendende Hypothese verliert sehr schnell an Glanz, denkt man sie weiter oder gar kritisch von ihrem Anfang her. Die Frage nach dem Anfang lautet: Wann und wie haben wir eigentlich begonnen, Gedächtnisleistung auszulagern auf externe Medien? Und: Heißt das auch, dass ab diesem Zeitpunkt ein unumkehrbarer Verdummungsprozess eingesetzt hat?
Einigkeit besteht in der Forschung darüber, dass die größte Leistung in Hinblick auf die Auslagerung von Gedächtnisleistung bislang die Erfindung der Schrift war. Eine Leistung, die ironischerweise zu den obligatorischen Charakteristika früher Hochkulturen gehört. Begründung von Hochkultur/Schriftkultur als Quelle eines Verblödungsprozesses, der in der digitalen Demenz seinen Abschluss findet? Sind uns damit die wenigen oralen Kulturen, die es noch gibt, gedächtnismäßig unweigerlich überlegen? Haben Analphabeten das fittere Gehirn? Ist Schreiben die bislang unentdeckte Wohlstandskrankheit des Geistes?
Es ist in diesem Zusammenhang spannend, dass Sokrates, der bekanntlich eine gewisse Skepsis gegenüber der Schrift in Zusammenhang mit dem Wahrheitsgehalt der Philosophie hegte, auch das Spitzer-Argument vorweggenommen hat: „[Socrates: … ] Denn diese Erfindung [Schrift] wird der Lernenden Seelen vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung des Gedächtnisses,[…]“ (Platon, Phaidros, 275a). Da haben wir also den Schlamassel. Andererseits: Wenn Sokrates und damit auch Spitzer in diesem Punkt recht haben, dann wird es wohl auf dem Weg nach unten auf die paar letzten Jahre Digitalisierung auch nicht mehr groß ankommen. Oder lässt sich vielleicht das ganze Ding auch andersherum denken?

und: 15629


Das Wort der Lehrpläne für die allgemeinbildenden höheren Schulen, Fassung vom 01.09.2017, ist „und“ (15629). Das ist kaum verwunderlich, hat dieses Werk doch bescheidene 644 Seiten. Es kommt recht jovial ohne Inhaltsverzeichnis daher, orientiert sich an den Bildungsstandards und beinhaltet natürlich bereits die gesetzlich anstehende Semestrierung. Dadurch schafft es das Wort „Semester“ mit 496 Nennungen auch  auf Platz 4 der meistgenannten Nomen dieses Werkes. Platz 1 geht in dieser Wertung an „Schülerinnen“ (753), Platz 2 an „Klasse“ (689) und Platz 3 an „Schüler“ (650). Warum in einem vom BMB gegenderten Text hier ein Bubendefizit von 103 Nennungen auftritt, ist mir ein Rätsel. Vielleicht wollte man zur offensichtlich unfairen Verwendung männlicher (6141) und weiblicher (4811) Artikel ein wohlbedachtes Gleichgewicht schaffen. Auch „Texte“ (472), „Kompetenzen“ (299) und „Medien“ (297) sind auffallend oft genannt.

 

Wordcloud_Lehrplan_2017: Wörter mit zumindest 201 Nennungen

 

Die höchstfrequenten Verben sind – neben den finiten Formen von sein – „können“ (1651), „werden“ (846) und „erkennen“ (621).  Auch „Schreiben“ (361), „Lesen“ (263), „Sprechen“ (259) und „Hören“ (222) schaffen es in unsere Wordcloud. „Rechnen“ kommt hier nicht mehr vor, was ich für keinen Fehler halte, wenn ich an meine Schulzeit denke. „Berechnen“ schafft zumindest 17 Einträge.
Lobenswert ist, dass das Wort „Defizit“ auf 0 Nennungen kommt, „fördern“ dann aber doch auf 148. Das Wort Literatur hält immerhin bei „85“ Nennungen. „Begabungen“ lediglich bei 35. Noch schlechter geht es da der „Erfahrungswelt“ (8) oder gar der „Volksmusik“ (7). Damit ist sie gemeinsam mit dem Wort „Potenzial“ (7) auf die letzte zählbare Stelle zurück gerutscht!